
Am 4. November 1875 ereignete sich ein schweres Eisenbahnunglück an der Willingser Brücke. Folgendes war geschehen: Der um 7 Uhr abends von Wien nach Eger abgehende Personenzug stürzte einige Minuten nach Mitternacht vor der Station Schwarzenau in dem Augenblick ab, als er die Willingser Brücke passieren wollte und fiel, sich mehrmals überschlagend, über den zehn Meter hohen Damm hinunter. Der Zug bestand aus 14 Waggons. Die Lokomotive sprang aus dem Geleise und bohrte sich tief ins Erdreich. Auf sie stürzten 13 Waggons. Der Anprall war so fürchterlich, dass die Waggons total ineinander verbohrt wurden. Der 14. und letzte Waggon war dank des glücklichen Umstandes, dass seine Kupplung gerissen war, unversehrt am Bahndamme stehen geblieben. Der Zug führte 128 Personen samt dem Zugspersonal mit sich. Hievon wurden zehn Personen getötet, 81 Personen zum Teil schwer zum Teil leicht verletzt. Die Polizei stellte bei den Ermittlungen fest, dass der
Zug tatsächlich nur aus dem Grunde abgestürzt war, weil ein
ganzes Schienenstück von den Nägeln, Bolzen und Schrauben befreit
und neben das Geleise gelegt worden war. Doch wegen unzureichender Beweise
konnte kein Täter verhaftet werden. Jahre später, kurz vor Ausbruch
des Ersten Weltkrieges, machte der im Totenbett liegende Bahnwächter
ein Geständnis: |
|
![]() Die Unglücksbrücke heute |
Schon längst quälte mich der Gedanke, wie
ich es unternehmen sollte, meine Lage zu verbessern, denn bei 25 Gulden
monatlich konnte man mit Weib und Kindern nur hungern. Da kam ich auf
die unglückliche Idee, die Schienen auf der Limpfingser-Brücke
zu lockern und den Mitternacht passierenden Zug mit der Begründung
aufzuhalten, ich hätte im letzten Momente die defekten Schienenteile
bemerkt, und nur meinem Pflichtgefühl wäre es zuzuschreiben,
dass ein furchtbares Eisenbahnunglück verhütet worden sei. Durch
diese Handlungsweise glaubte ich eine Geldprämie von vielleicht 50
Gulden und auch eine schnellere Beförderung zu erlangen, die meiner
Notlage abgeholfen hätte. Es war in der Nacht vom 3. auf den 4. November
1875, als ich mich anschickte, meinen Plan zur Ausführung zu bringen.
Gegen 23.15 Uhr nachts, knapp nachdem der Lastzug die Strecke passiert
hatte, begann ich.Danach ging ich dem Zug entgegen um mit meiner roten
Laterne das Haltesignal zu geben. |
Ich wartete, wartete. Doch wer beschreibt
mein furchtbares Entsetzen, als sich die klare Nachtluft plötzlich
zu verdichten begann. Neblig war´s, ein furchtbarer undurchdringlicher
Nebel hatte sich urplötzlich auf die ganze Gegend niedergesenkt.
Immer dichtere Nebelschwaden ballten sich zusammen, so dass ich kaum noch
das rote Licht meiner Laterne sehen konnte. Ich lief dem Unglücksorte entgegen; was hier geschehen, war mein Werk! In der undurchdringlichen Finsternis, in dem Schreien, Weinen und Wimmern vermisste mich niemand. Als ich nach einigen Stunden vernommen wurde, hatte ich merkwürdigerweise wieder so viel Beherrschung erlangt, dass ich bestimmt aussagen konnte, ich habe die Strecke 20 Minuten vor dem Unglück nochmals revidiert und nichts Verdächtiges vorgefunden. Auch sagte ich, dass ich eine Stunde vorher fünf Männer über den Damm laufen gesehen hätte. Man schenkte mir Glauben, weil man mir nichts beweisen konnte, und ließ mich bis auf weiteres auf meinem bisherigen Posten. Ruhig und wortkarg versah ich meinen Dienst, aber die fürchterlichsten Gewissensbisse folterten und marterten mich Tag und Nacht. Immer, wenn der betreffende Nachtzug die Brücke passierte, erlebte ich im Geiste dieses schreckliche Unglück, an dem nur ich, ich einzig und allein schuld war. In wenigen Monaten war ich um Jahre gealtert. |
|
Glücklicherweise versetzte mich die Direktion
auf die Prager Strecke, aber die Gewissensbisse ließen nicht nach.
Meiner Frau verschwieg ich alles, barg mein entsetzliches Geheimnis in
mir. Die Gute blieb bis zu ihrem Tode in der Meinung, die Erlebnisse der
Schreckensnacht hätten mein Gemüt und meine Nerven so sehr zerrüttet.
Ich versah meinen Dienst als kranker Mann noch einige Jahre, bis mich
die Direktion pensionierte. Wieder ging ich ins Waldviertel zurück.
Merkwürdig, immer und immer wieder zog es mich zu jener Unglücksstätte,
wo ich oft stundenlang sinnend saß. Hunderte und Hunderte Male stand
ich dort, bei Tag und bei Nacht. Wie oft hatte ich in mir schon den Entschluss
erwogen, mich auf die Geleise der Limpfingser Brücke zu werfen, um
mein schuldbeladenes Leben vom Zuge zermalmen zu lassen. Doch immer wieder
fehlte mir die Kraft dazu. |
![]() Aktuelle Aufnahme unweit der Unglücksstelle |
Der Schwerkranke schwieg erschöpft. Die beklemmende Stille des Sterbezimmers ward nur unterbrochen durch das stille Weinen und Schluchzen der Kinder und Enkelkinder und durch das Ticken der alten Wanduhr, deren Räderwerk regelmäßig lief, während ein reuiges Menschenherz mit müden Schlägen der Ewigkeit entgegenbangte. Quelle: (Windigsteiger Heimatbuch, Seiten 134 bis 139) |
|